Anne fragt Mirjam

 
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Die ausgebildete Yogalehrerin und Familienfrau Mirjam erwartet ihr drittes Kind. Auf Cats and Cows unterrichtet sie Yoga für Schwangere im ersten, zweiten und dritten Semester und hat auch einen „post natal flow“ gedreht. Auf unserem Blog verrät sie, worauf man beim Yoga während der Schwangerschaft achten muss und mit welchen Übungen man sich auf die Zeit nach der Geburt vorbereiten kann.

Wie lebst du Yoga im Alltag?
Das Wichtigste für mich ist die Asana-Praxis. Ich weiss, es wird viel über "Yoga off the mat" gesprochen, über Flexibilität im Kopf oder Werte im Alltag. Dies hat auch seine Berechtigung, denn Yoga ist eine Philosophie, eine letztlich spirituelle Erfahrung. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass wir die Basis, das Zement, den Körper nicht übergehen dürfen. Es gibt keine Abkürzung, kein Yoga, das gänzlich ohne Asana auskommt. Die physische Praxis erlaubt uns, das Obsessieren abzuschalten und sich ganz der Materie hinzugeben. Die Disziplin und auch die Bereitschaft einem Lehrer zu folgen, heisst auch, dass wir uns nicht von unserem Ego und davon leiten lassen dürfen, was wir in jeder Situation am "liebsten" tun würden, auch nicht während dem Yoga. Das ist wie ein Muskel, der trainiert wird. Dass wir uns zu wenig spüren, muss uns dabei keine grosse Sorgen bereiten, denn die meisten von uns leben bereits ein ziemlich privilegiertes, ICH-fokussiertes Dasein, bei dem die eigenen Bedürfnisse im Vordergrund stehen. Die regelmässige Hingabe zu einer disziplinierten Praxis hingegen, ist meines Erachtens das Fundament der spirituellen Erfahrung.

Natürlich gibt es auch Zeiten, insbesondere im Alltag mit kleinen Kindern, in denen ich das Praktizieren zurückstellen muss. Das lernt man zu akzeptieren. Das Leben ist schliesslich eine Herausforderung!

In welcher Schwangerschaftswoche bist du gerade und wie geht es dir dabei?
Ich bin in der 20. Schwangerschaftswoche und ich fühle mich nicht gerade "glowing" :). Nach einem sehr schwierigen ersten Trimester, mit viel Erbrechen, geht es mir jedoch schon etwas besser.

Viele Frauen fühlen sich unter Druck, das Muttersein oder die Schwangerschaft lieben zu müssen. Es ist aber wichtig, dass wir lernen, diesem Druck standzuhalten und es uns erlauben, als Schwangere oder als Mütter nicht immer himmelsglücklich und dankbar zu sein. Das Leben beinhaltet immer auch Leiden, egal in welchem Stadium.

Worauf muss man beim Yoga in der Schwangerschaft besonders achten?
In der Schwangerschaft ist es noch wichtiger als sonst, dass man gut auf den eigenen Körper hört. Die meisten Risiken betreffen jedoch nicht das ungeborene Kind, das ziemlich gut geschützt ist im Bauch der Mutter, sondern den Körper der Mutter selbst. So sollte sie zum Beispiel bald tiefe Rückbeugen vermeiden, da diese die Rektusdiastase (das Auseinanderklaffen der Bauchmuskulatur) begünstigen. Die Mutter spürt normalerweise gut, wann sie nicht mehr auf den Bauch liegen kann oder Twists nicht mehr möglich sind, da zu viel Druck auf den Bauch ausgeübt wird.

Hilft Yoga für die Geburt?
Unbedingt! Viele Frauen haben Angst vor der Geburt, vor den Schmerzen. Yoga hilft dem eigenen Körper zu vertrauen, mit ihm gemeinsam, nicht gegen ihn, zu arbeiten. Ein grosser Teil der Schmerzen während der Geburt entsteht auch durch das Antizipieren und das Obsessieren über diese Schmerzen. Im Yoga lernt man, jeden Moment so zu nehmen, wie er ist und mit physischer Intensität umzugehen. Das hilft sehr.

Mit welchen Übungen kann man sich auf die Zeit nach der Geburt vorbereiten?
Die grösste Herausforderung nach der Geburt für die firschgebackene Mutter ist der Umgang mit dieser völlig neuen Situation, auf die wir uns meistens fast gar nicht vorbereiten können. Plötzlich ist da ein anderes Wesen, das in unserer Verantwortung steht, aber wir nicht kontrollieren können. Das fordert heraus. Diese Verantwortung wahrzunehmen, verschiedenes auszuprobieren und gleichzeitig mit sich selber lieb und offen zu bleiben, das ist schwierig. Im Yoga üben wir Achtsamkeit, das heisst aufmerksam zu beobachten, ohne ständig über sicher selbst zu urteilen. Die beste Vorbereitung ist wohl die Übung, sein eigener Freund zu sein.

Wann kann ich mit Yoga nach der Geburt wieder beginnen?
Es kommt auf die Geburt an. Am besten fragt man den Arzt, wann man sich wieder aktiv bewegen kann. Oft ist dies nach ca. 6-8 Wochen der Fall. Auf jeden Fall ist es wichtig, sich nicht zu stressen, möglichst schnell wieder zum Normalgewicht oder zur Normalfitness zu kommen. So wie die Schwangerschaft Zeit braucht, so braucht auch die Rückbildung Zeit. Aber es kommt zurück!

anne kathrin